Mittwoch, 4. März 2015

Überlegungen zur Liquiditätsaufbewahrung - Artikelserie Teil 1: Notfälle

In früheren Artikeln hatten wir bereits die Notwendigkeit besprochen, eine gewisse Geldreserve zu halten. Diese Reserve, die auch Liquiditätspolster genannt wird, muss zum Großteil rasch verfügbar sein. Im Artikel über das Beispiel einer Asset Allocation hatte ich grob unterschieden zwischen dem schnell verfügbaren Geld für Notfälle und der Liquidität für Investments. In welchen Fällen wann die Liquidität zum Einsatz kommen sollte und welche weitere Möglichkeiten zum Vorhalten von Bargeld möglich sind, möchte ich in dieser Artikelserie besprechen. Im ersten Teil blicken wir auf die Geldreserve für Notfälle.

Aber beginnen wir zunächst noch weiter vorne. Wer keine Reserven oder gar Schulden hat, sollte die Verbindlichkeiten schnellstmöglichst tilgen und anfangen Geldreserven aufbauen. Denn verschulden zu sein, bedeutet, es fließt ein Geldstrom aus dem eigenen Portemonnaie zu jemand anderen (Zinsen). Das Ziel sollte ja sein, dass Geld aus verschiedenen Quellen in die eigene Geldbörse hineinfließt.
Einige Möglichkeiten und Details wie man dies angehen und bewältigen kann, finden Sie auf der Seite: "Schulden abbauen und erfolgreich sparen".

Geldreserve für Notfälle
Die Höhe der Notfall-Reserve hängt von individuellen Aspekten ab. Grundsätzlich rate ich dazu, eine Geldreserve in Höhe von etwa 6 bis 12-mal der eigenen monatlichen Ausgaben aufzubewahren.
Aber jetzt kommt es darauf an. Gibt es Fälle, in denen das Geld auf einmal benötigt wird? Der Puffer von "6 bis 12-mal der monatlichen Ausgaben" zielt vor allem auf Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - plötzlich kein Arbeitseinkommen (mehr) haben. Mit dieser Geldreserve können sie ein halbes bis ganzes Jahr ihr Leben normal ohne größere Einschnitte fortsetzen und in dieser Zeit in Ruhe einen neuen Arbeitsplatz suchen.

Je nach Branche und Fähigkeiten kann die dafür erforderliche Zeit ziemlich stark variieren. Wenn man zum Beispiel im Vertrieb oder in der IT-Branche arbeitet, wird man im Standardfall relativ schnell eine neue Arbeitsmöglichkeit finden. Ist man dagegen ziemlich spezialisiert, muss man mitunter ziemlich lange suchen, gegebenenfalls sogar umziehen oder erst eine Umschulung vornehmen. Oder andere Gründe sprechen dafür, erst nach fast einem Jahr eine neue bezahlte Tätigkeit zu finden.

Aber was ist, wenn nicht der Arbeitsplatzverlust Grund für den Einsatz der Geldreserven ist, sondern ein anderer. Gut, wenn Kühlschrank und Waschmaschine gleichzeitig kaputt gehen, wird man für Ersatz 1.000 bis 1.500 Euro ausgeben müssen. Aber eine neues Auto, eine komplett neue Küche wird schon eher rund 10.000 Euro an Ausgaben bedeuten.

100%-ige Absicherung ist unrealistisch
Aber klar ist auch, man kann sich nicht gegen alle Eventualitäten gleichzeitig absichern. Es ist immer eine Risikoabschätzung vonnöten, weil man sonst wirklich auf einmal 100.000 Euro und mehr auf dem Tagesgeldkonto herumliegen hat. Abgesehen von einer bald geplanten größeren Anschaffung, wie den Kauf eines Oberklasse-Autos oder der Erwerb einer Immobilie, gibt es aus meiner Sicht keinen vernünftigen Grund mehr als 100.000 Euro (oder auch US-Dollar) auf einem Tagesgeldkonto ungenutzt herumliegen zu haben. Das ist sonst reine Geldverschwendung.

Ich denke, unter dem Strich hat man die meisten Notfälle mit einem Liquiditätspolster, welches 6 bis 12-mal der monatlichen Ausgaben entspricht, abgedeckt. Für jemanden der normalerweise 2.000 Euro pro Monat ausgibt, bedeutet dies immerhin 12.000 bis 24.000 Euro als Rücklage.

Erst Geldreserve aufbauen, dann langfristig investieren
Jeder, der das Ziel hat Vermögen aufzubauen, sollte seinen Fokus zunächst auf den Aufbau der Notfall-Reserve legen. Diesen ersten Meilenstein auf dem Weg zur finanziellen Freiheit nennt man auch finanzieller Schutz. Gegen die meisten Eventualitäten ist man damit geschützt. Und nicht zu vergessen: Man schläft wesentlich beruhigter als wenn das eigene Konto leer ist und gleichzeitig das Notebook oder der Fernseher droht den Geist aufzugeben.

Erst jetzt geht es ans Investieren und an den Aufbau eines Portfolios, welches für einen im Laufe der Zeit als Vermögensaufbau dient und zunehmend ein passives Einkommen erschafft.

Wer im Laufe der Zeit ein stattliches Depot in deutlich sechsstelliger Höhe aus Vermögenswerten aufbaut, für den hatte ich als Richtwert vorgeschlagen etwa 5 Prozent des gesamten Vermögens liquide für unerwartete Ereignisse vorzuhalten. Die Intention dahinter ist zu vermeiden, dass man längerfristige Investments verkaufen muss, wenn kurzfristig Bedarf an Geld für überraschende Ausgaben besteht. Nach Murphys Gesetz wird das Geld natürlich gerade dann benötigt, wenn die Verkaufspreise der Investments nicht besonders vorteilhaft sind.

Der Wert von 5 Prozent ist lediglich ein grober Richtwert und hängt natürlich auch von individuellen Faktoren ab. Die Kunst besteht darin, einen Mittelweg aus "nicht zu knapp bei Kasse zu sein" und nicht "zu viel Geld ungenutzt quasi unverzinst herumliegen zu haben". Ein Einflussfaktor ist die Größe des Portfolios. Denn bei einem Portfolio mit Volumen von 100.000 Euro könnten entsprechend 5.000 Euro zu wenig sein. Wer dagegen ein Gesamt-Depot von 2 Millionen Euro sein Eigen nennt, für den könnte eine Notfallreserve von 100.000 Euro eher überdimensioniert sein.

Grob zusammengefasst kann man sagen: 6 bis 12-mal die monatlichen Ausgaben gilt für Erwerbstätige und für Leute mit noch kleinere Depots. Der Richtwert von 5 Prozent für Privatiers, (deren Einkünfte vorwiegend aus Vermögenswerten stammt) oder Erwerbstätige mit einem bereits entsprechend großen Vermögenswert-Portfolio.

Das war der erste Teil der Artikelserie "Überlegungen zur Liquiditätsaufbewahrung". Im zweiten Teil besprechen wir die Liquidität für Investments. Benötigt man dafür eigentlich eine separate Geldreserve?

Die Serie besteht aus folgenden drei Teilen:
Teil 1: Liquidität für Notfälle
Teil 2: Liquidität für Investments
Teil 3: Möglichkeiten zur Aufbewahrung einer Geldreserve

Zum Weiterlesen:

Kommentare:

  1. Ich habe einen Notgroschen der uns drei Monate über Wasser halten kann und zur Finanzierung ungeplanter Investitionen dient (z.B. Waschmaschine).

    Im Falle einer Arbeitslosigkeit erhält man ja Arbeitslosengeld, zudem kann man in einer solchen Situation den Gürtel enger schnallen. Allein wenn wir nicht mehr Essen gehen würden, könnten wir unsere monatlichen Ausgaben um mehrere hundert Euro reduzieren.

    Wer damit rechnen muss nach einer Kündigung lange arbeitslos zu sein, der sollte besser in seine Qualifikation investieren, um dieses Risiko zu minimieren.

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  2. hi und danke für den artikel! gilt die richtlinie von 6-12x monatliche ausgaben auch dann, wenn man eine BU abgeschlossen hat? habe so ausgaben von 2-3k euro pro monat. BU würde 2k euro zahlen. einen finanziellen puffer von 18k euro habe ich bereits. und ein portfolio von 60k ebenfalls, das ich jetzt aufbauen möchte. ist das gut so?

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    1. Ich denke hier werden verschiedene Sachen vermischt!
      Eine BU zahlt ja nur bei Arbeitsunfähigkeit, (und ist damit meines Erachtens ein absolutes muss) nicht bei Arbeitslosigkeit oder einer kaputten Waschmaschine. Somit dient das eine dazu die eigene Arbeitskraft abzusichern, während die Notreserve dazu dient einen kurzfristigen Einnahmeausfall oder hohe Einmalkosten abzufangen.
      Wenn man es jetzt die kleine finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat könnte man sich theoretisch also die BU sparen, den Notgroschen jedoch nicht.

      Würde mich freuen,dass wenn jemand dazu einen anderen Gedanken dazu hat, er (oder Sie) Ihn postet.

      Gruß Georg S.

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  3. 6 Monatsgehälter ist ein guter Richtwert für den Notgroschen. Darunter (weniger als 3 Monate) ist man eventuell nicht genug abgesichert für eventuelle Ausgaben, und je mehr darüber (>12m) sinkt auch der Nutzen (zumal bei den Zinsen eh, obwohl das Geld sowieso nicht als "Anlage" begriffen werden sollte und alles darüber in höherrentierliche Investitionen fließen sollte).

    Wobei da natürlich auch viel von der persönlichen Lebenssituation und den Ansprüchen abhängt. Für ein Studenten der in ner WG wohnt und mit dem Fahrrad zur Uni fährt wird des sicher weniger schlimm sein wenn der Sparstrumpf mal noch nicht so groß ausgeprägt ist, während für einen Familienvater mit Haus und Auto sich die Verantwortung natürlich ganz anders darstellt und lieber auf der vorsichtigeren Seite bleiben sollte. Apropos Haus, da ist man ja quasi eh gezwungen (als Vermieter sowieso) ein Rücklagenkonto zu haben.

    Wichtig auch sich über die Zweck(gebundenheit) vorher klar zu machen. In deinem Blog hast du ja schonmal einen grundlegenden Artikel zu "Unterschieden zwischen Anschaffungen und Investitionen" berichtet -> der "Notgroschen" sollte also eigentlich nicht dazu gedacht sein den nächsten Urlaub oder so zu finanzieren. Etwas Disziplin gehört schon dazu, nicht gleich wieder jedes Geld, das auf einmal da ist, auch gleich wieder auszugeben (gut, solche Leute lesen dann vllt auch eher weniger das Blog hier).

    Die Cashreserve zum nachkaufen von Wertpapieren ist auch so ne Sache, da wir uns hier wieder tendenziell in Richtung Markt-Timing zubewegen. Da ich sowieso konstant regelmäßige Beträge in festen Intervallen investiere ist das für mich eigentlich eh kein Thema. Natürlich ist es verlockend zu glauben wie toll es wäre wenn man wie in 2009 am "Boden" all-in gegangen wäre, aber das in der Praxis umzusetzen schaffen, naja, da fahr ich lieber meine kleinen Anspar-Raten weiter, hoch und runter, komme was wolle ^^

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  4. Hochinteressantes Thema! Vielen Dank und bitte weiter fortsetzen.

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  5. @alle: Danke für die vielen guten Anmerkungen.
    Wie gesagt, meine Vorschläge können nur grobe Richtwerte sein. Zu unterschiedlich ist die individuelle Situation eines jeden einzelnen. Man muss eine gute Gratwanderung zwischen nicht zuviel und nicht zu wenig finden.

    Zur Cashreserve für Investments kommen wir im zweiten Teil.

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  6. Eine BU zahlt im Zweifelsfall gar nicht oder erst nach (jahre-)langem hin und her ...

    https://www.google.de/?gws_rd=ssl#safe=off&q=berufsunf%C3%A4higkeitsversicherung+zahlt+nicht

    Auf sowas sollte man sich nicht verlassen. Ich hatte mal eine BU. Ist längst gekündigt.

    Gruß
    Ulrich

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