Mittwoch, 8. Juli 2015

Fünf Punkte, warum ein Grexit für Aktienanleger nicht wirklich relevant ist

Tsipras an der Spitze der griechischen Regierung hat nun das eigene Volk in einem Referendum abstimmen lassen. Mich überraschte das Ergebnis nicht, denn für die meisten Menschen zählt nicht, ob die vergangenen Regierungsvertreter wichtige Strukturveränderungen versäumt haben. Sie haben so gelebt, wie die Politiker es ihnen gestattet hatten und sind - aus ihrer Sicht verständlich - jetzt nicht bereit für die Fehler der Politik in den letzten Jahren zu bezahlen. Es war einfach ein letzter Versuch von Tsipras sein Gesicht zu wahren.
Ob es zu einem Grexit kommt oder nicht, darüber müssen die Politiker entscheiden, denn dies ist ihr Job, den wir Steuerzahler ihnen vergüten.
Hier in diesem Artikel möchte ich fünf Punkte nennen, warum die Angelegenheit rund um Griechenland für Aktienanleger keine große Relevanz hat.

Weltwirtschaftliche Bedeutung von Griechenland ist überschaubar
Im Aktien-Index der Eurozone, dem EuroStoxx 50, mit den 50 größten Unternehmen in der Staatengemeinschaft befindet sich aktuell kein einziges griechisches Unternehmen.

Politische Börsen haben kurze Beine
Wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen schon keine besonders große Rolle spielt, dann fällt der Blick als nächstes auf die Politik. Die Erfahrung zeigt: Der Einfluss der Politik auf die Finanzmärkte ist im Standardfall zum einen begrenzt und zum anderen höchstens von vorübergehender Natur. Das war in der Vergangenheit in Deutschland und in den USA der Fall und das wird bei der Diskussion um den Verbleib von Griechenland in der Eurozone so sein.

Psychologie an den Märkten nicht überbewerten
Die Börse mag Unsicherheit nicht, dann gehen die Kurse oft in den Seitwärts- oder Korrekturmodus über. Völlig klar, nach dem hin und her der letzten Wochen und Monaten ist eine gehörige Portion Unsicherheit im Markt. Entweder Griechenland bleibt in der Eurozone, mit der Folge von weiteren Rettungshilfen seitens der EZB und der anderen Länder oder es verlässt - zumindest für ein paar Jahre - die Eurozone, wobei zumindest im Detail die Abläufe und Auswirkungen unklar sind. Sobald eine Entscheidung gefällt wurde, schaut der Finanzmarkt wieder auf andere Themen.

Grexit wäre sogar gut für die Wirtschaft
Natürlich würden die Bürger in Griechenland bei einem Austritt aus der Eurozone vorübergehend die Leidtragenden auf dem Weg zur finanzpolitischen Gesundung. Auch die Europäische Zentralbank und die Länder in der Eurozone müssten nicht unerhebliche Abschreibungen hinnehmen. Deutschland verlöre im schlimmsten Fall knapp 90 Milliarden Euro. So hart es auch klingen mag, es wäre dennoch ein Schnitt mit einem Neuanfang. Zum einem für Griechenland, die eine reelle Chance hätten wirtschaftlich zu gesunden. Zum anderen aber auch für die Wirtschaft der Eurozone. Denn ohne dieses Dauerthema könnte sich die Eurozone wieder anderen Aufgaben widmen und weniger über Rettungsmaßnahmen als über konstruktive wirtschaftliche Fortschritte beratschlagen. Bei einem Grexit sollten - nach kurzzeitigen Turbulenzen - sowohl der Euro gegenüber anderen Währungen als auch der Aktienmarkt tendenziell stärker tendieren.

Rohstoffe sind wieder eingebrochen
Andere Faktoren als Griechenland sind möglicherweise für den Aktienmarkt relevanter. So sind die Rohstoffwerte - inklusive Öl - in den letzten Tagen wieder ziemlich deutlich eingebrochen. Auch die chinesische Börse hat in der letzten Zeit deutlich nachgegeben. Ob die Ursache ein möglicher Austritt von Griechenland ist, möchte ich doch stark bezweifeln.
Die gefallenen Rohstoffpreise als auch die starken Kursrückgänge in China sind wohl die eigentlichen Gründe für die Abschläge bei den europäischen und US-amerikanischen Aktien-Indizes.
Genauer schauen wir auf diese Vorgänge wie immer im Monatlichen Marktbericht.


Fazit
Meine Vorstellungskraft reicht nicht so weit, dass ich mir wegen Griechenland größere Verwerfungen an den Kapitalmärkten vorstellen kann.
Ich habe es bereits oft gesagt: Anleger, die Aktien als Vermögenswerte halten, sollten dies nur tun, wenn sie das investierte Geld mindestens 5, besser mehr als 10 Jahre lang nicht benötigen. In diesem Zeitfenster hat das derzeitige Dauerthema, ein möglicher Grexit, keine signifikante Relevanz.
Blenden Sie gedanklich die täglichen Börsennachrichten aus und konzentrieren Sie sich auf Ihre Investitionsziele.
Im März 2015 hieß es, der Aktienmarkt sei zu teuer, mittlerweile zählt dieses Argument nicht mehr. Wer regelmäßig investiert, sollte jetzt damit nicht aufhören. Wer zusätzliche Tranchen bei günstigen Preisen in den Markt investiert, sollte jetzt ernsthaft darüber nachdenken eine solche Gelegenheit zu nutzen.

Wie gehen Sie aktuell vor? Interessiert Sie die Griechenland-Diskussion bezüglich Ihre Investitionen überhaupt?

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Kommentare:

  1. Das Kernproblem bei Griechenland war ja nie das Land "selbst", wie du sagst, weil deren Wirtschaft relativ überschaubar und irrelevant ist - sondern die Verflechtungen und systemischen Risiken der europäischen Großbanken (deren mehrere hunderte Milliarden von Anleihen, die wiederrum als Basis für noch größere Hebelgeschäfte dienen) - DIE hat man gerettet, nicht den griechischen Staat, denn DIE hat(ten) ja die faulen Staatspapiere im Depot und die Gefahr durch deren Abkippen in einem "Lehman-Moment" selbst zu kollabieren. Spätestens wenn durch das Momentum einer unkontrollierbaren "Ansteckung" auch die anderen Krisenstaaten fallen. Mittlerweile wurde das Risiko aber ja zum großen Teil von den Privatbanken auf öffentliche Institutionen (Notenbanken, allerlei "Schirme" u. Bürgschaften etc.) übertragen (was am Ende auch nur wieder der Staat und damit wir Steuerbürger sind), und die Kapitalbonzen selbst sind aus dem Schneider. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Aber Ursache und Verlauf der ganzen Krise ist wieder ein eigenes langes Thema, jedenfalls ist es wichtig zu verstehen dass das mitnichten ein "nur" griechisches Problem ist, das war nur zufällig der erste Dominostein, und wird noch ganz andere Dinge in Bewegung setzen.

    Für langfristige diversifizierte B&H Passiv-Investoren ist das aber tatsächlich nicht relevant - hergott, selbst der Crash von 08 ist nach der "reinen Lehre" her nicht relevant gewesen, da ja nicht verkauft wird, sondern konstant weiterinvestiert. Leute, die eher auch mal bewußt kurzfristigere Trends traden, gehen an diese Sache natürlich ganz anders heran bzw darauf ist ja auch die Nachichtenvermittlung/entwicklung ausgerichtet. Das Aktien schwanken, und die Zeiten immer volatiler werden, sollte uns ja allen nichts neues und eh vorher bekannt sein, aber (gerade auch bei Unsicherheiten der Währungen) fühle ich mich trotzdem bei Aktien sogar noch wohler als bei manch anderen Anlageformen. Es kann sein das wir demnächst wieder ein -25% Einbruch wie mitte 2011 erleben, es kann auch genausogut sein dass (zb. durch verstärktes EZB-QE) auch bald wieder eine +25% Rallye ala winter 14/15 kommt. Es interessiert mich ehrlich gesagt beides nicht besonders ^^ Ich investier mittlerweile seit 20 Jahren (und hab da einiges erlebt) und werde auch noch mindestens für die nächsten 20 Jahre investieren (und weiß eben auch, dass ich dabei noch einiges erleben werde). (Privat-)Investoren machen ihre größten Fehler ja erwiesenermaßen da, wo gerade in kritischen Situationen die falschen Handlungen (emotional/panik) gemacht werden, deswegen gern nochmal der Verweis auf die "Verhalten in der Krise"-Artikel.

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  2. Und die Kurse sinken. Ich würde jetzt soooooo gerne nachkaufen. Aber leider derzeit nicht genügend Cash

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    1. Für die nächste "Gelegenheit" kann ich folgenden Artikel empfehlen: Liquiditätsaufbewahrung für Investments :-)

      @Chris: Danke für den Hinweis auf die Artikelserie, ich habe diese jetzt noch unter "Zum Weiterlesen" verlinkt.

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