Sonntag, 24. August 2014

Buchbesprechung: Alles, was Sie über das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty wissen müssen

Thomas Piketty hat mit seinem Buch "Capital in the Twenty-First Century" ab dem Frühjahr 2014 weltweit eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Dies nicht nur unter Ökonomen, sondern in allen Bevölkerungsschichten. Zu den prominenten Lesern sollen Papst Franziskus, der US-Präsident Barack Obama und die IWF-Vorsitzende Christine Lagarde gehören. Nicht nur wegen des Titels "Das Kapital" wird der Autor mit historischen Größen wie Karl Marx verglichen, der im späten 19. Jahrhundert die politische Ökonomie, konkret den Kapitalismus, kritisierte.
Ulrich Horstmann nannte nun in seinem Buch "Alles, was Sie über das Kapital von Thomas Piketty im 21. Jahrhundert wissen müssen" einerseits die wichtigsten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen von Thomas Piketty und fasste die Kritikpunkte an dem Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" zusammen.

Was sind eigentlich die Behauptungen?
Der französische Volkswirtschafts-Professor Thomas Piketty hat langjährige Statistiken über die Verteilung von Eigentum und Vermögen untersucht und daraus Theorien abgeleitet. Ausführlich geht er auf die ökonomische Entwicklung seit etwa 1700, besonders seit der Zeit des ersten Weltkrieges ein. In seinen umfangreichen Daten-Recherchen kam er zu dem Ergebnis, dass sich der Reichtum der Welt im Standardfall von der ärmeren zur wohlhabenderen Bevölkerungsschicht verlagert. Piketty stellt folgende Weltformel auf:
durchschnittliche Kapitalrendite > Wachstumsrate der Wirtschaft (oder: r > g)


"Alles, was Sie über das
Kapital von Thomas Piketty
im 21. Jahrhundert wissen
müssen
" von Ulrich
Horstmann 
Konkret liegt das Wirtschaftswachstum über lange Zeiträume bei 1 bis 2 Prozent, wohingegen die Kapitalrendite ziemlich kontant zwischen 4 und 5 Prozent beträgt.
Das heißt, er behauptet, dass der Kapitalbesitz eine größere Rendite abwirft als die Wirtschaft insgesamt wächst, also Kapital sich stärker vermehren würde als es Lohnsteigerungen gibt. (Anmerkung: Beim Vergleich der Aktienrendite gegenüber Lohnsteigerungen kamen wir hier auf dem Blog zu einem ähnlichen Ergebnis). Dadurch würde sich der ohnehin schon ungleich verteilte Reichtum noch stärker konzentrieren.
Lediglich in der Zeit zwischen 1918 und 1980 kam es zu einer Phase des Abbaus von ungleich verteiltem Vermögen.

Vor allem Erbschaften seien gefährlich, weil das Vermögen sich damit auf vergleichsweise wenige Menschen konzentriert.

Sollte dieser Prozess weitergehen und die Politik nicht für einen Ausgleich sorgen, drohe bald zunehmender Protektionismus oder sogar Nationalismus.

"Capital in the Twenty-First
Century
" von Thomas
Piketty
Vorschlag zur Änderung der ungezügelten Kapitalanhäufung
Piketty betonte, Kapitalakkumulation sei grundsätzlich zunächst einmal nicht negativ, denn diese sei die Grundlage des technischen Fortschritts und steigender Produktivität. Besonders Unternehmen, die nur am Rande der Rentabilität stünden, könnten bei einer zu starken Zusatzsteuer in die Insolvenz abrutschen. Piketty schlägt eine progressive Vermögensteuer vor, die Kapital umso höher besteuert, je reicher jemand ist. Der Vermögensaufbau der unteren und mittleren Einkommensklassen sollte stattdessen sogar gefördert werden.

Für Nettovermögen unter einer Million Euro sollten keine zusätzlichen Steuern erhoben werden. Ab einer Million Euro wäre dann 1 Prozent, ab fünf Millionen Euro 2 Prozent Kapitalbesteuerung angemessen. Ab einem Vermögen von einer Milliarde Euro könnte die Steuer auch 5 bis 10 Prozent betragen.
Diese Kapitalsteuer gelte für alle Vermögen, unabhängig ob Privatperson, Stiftung oder Unternehmen.

Kritikpunkte an Pikettys Thesen
Im fünften Kapitel trug der Autor Ulrich Horstmann die von anderen geäußerten Kritikpunkte an Pikettys Thesen zusammen. Unter anderem sollen die verwendeten Excel-Tabellen des französischen Ökonom einige Fehler enthalten haben, die er erst nach Veröffentlichung des Buchs "Capital in the Twenty-First Century" korrigiert hat.

Selbst die Formel r > g sei in dieser allgemeingültigen Form nicht korrekt oder unvollständig, so der Vorwurf. Unter anderem müssten generell die Gelder verglichen werden, die nach Abzug sämtlicher Steuern übrig bleiben würden. Piketty selbst erwähnte, dass in seinen Annahmen viele Steuern nicht berücksichtigt seien.
Problematisch sei auch die praktische Umsetzung einer weltweiten Vermögenssteuer, was Piketty selbst einräumte. Eine Kapitalsteuer sei von der Wirtschaftskraft und vom Gehaltsniveau der einzelnen Staaten auf der Welt abhängig.
Fazit
Die Flüsse und Verschiebungen von Kapital sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozialpolitisch ein spannendes und vor allem brisantes Thema. Vielleicht ist das auch der Hauptgrund des weltweiten Interesses des Werkes "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Das erst vor wenigen Tagen erschienenen Buch "Alles, was Sie über das Kapital von Thomas Piketty im 21. Jahrhundert wissen müssen" von Ulrich Horstmann bietet darüber eine gute Zusammenfassung der relevanten Aussagen und eine komprimierte Übersicht der wichtigsten Kritikpunkte.

Ich würde jedoch die eBook-Version bevorzugen, weil im Text gelegentlich pdf-Anhänge als Quellenangabe verwendet werden. Und die entsprechende URL kann man in einem eBook direkt anklicken, statt die Web-Adresse mühsam abzutippen wie bei der Print-Version.
Wer sich ausführlicher mit diesem Thema befassen möchte, der legt sich die englischsprachige Übersetzung "Capital in the Twenty-First Century" mit fast 700 Seiten zu. Die deutsche Übersetzung von "Das Kapital im 21. Jahrhundert" erscheint voraussichtlich Mitte Oktober 2014.

Zum Weiterlesen:

1 Kommentar:

  1. In der FAZ gibt es einen interessanten Bericht zum Thema. Nach diesem hat Piketty zwei Fehler in seiner Untersuchung gemacht.

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/gastbeitrag-von-karl-heinz-paque-gibt-es-doch-gesetze-des-kapitalismus-13148312.html

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