Dienstag, 2. Februar 2016

ETFs mit Smart-Beta-Strategien - Artikelserie Teil 2, der Value-Faktor

Im ersten Teil der Artikelserie "ETFs mit Smart-Beta-Strategien" haben wir besprochen, was hinter den Smart-Beta-Strategien eigentlich steckt. Zudem wurde grundsätzlich der Unterschied zur traditionellen Methode herausgestellt, Aktien in einem ETF zu gewichten. Denn die meisten ETFs bilden die nach Marktkapitalisierung gewichteten bekannten Indizes wie DAX, EuroStoxx 50 und S&P 500 ab. Im nun folgenden zweiten Teil der Serie blicken wir näher auf den sogenannten Value-Faktor.

Artikel wurde von Chris verfasst

Der "Value"-Faktor, also das gezielte Investieren in Substanzwert-Unternehmen, ist wohl eine der ältesten und bekanntesten alternativen Strategien überhaupt. Seit den 1930er Jahren zum ersten mal von Benjamin Graham formuliert, spätestens aber mit den Erfolgen von Warren Buffet und anderen Anhängern, wurde diese Vorgehensweise populär.

Da es natürlich unzählige Varianten gibt, diese Strategie anzuwenden, unterscheiden sich die Einzelheiten immer etwas, aber bei allen geht es im weitesten Sinne darum, aus der Analyse von Bilanzkennzahlen der Unternehmen so "überbewertete" von "unterbewerteten" Aktien zu unterscheiden, und vor allem in letztere zu investieren. Das eine konsequent angewandte Value-Strategie eine langfristige Überrendite gegenüber dem breiten Markt bringt, ist auch in verschiedenen Studien bestätigt worden.

Mit einer gewissen Strategie wird versucht eine Outperformance
gegenüber Standardindizes zu erzielen - Quelle: pixabay.com

In der Praxis werden dabei meist Verhältnisgrößen aus Aktienkurs und bestimmten Bilanzkennzahlen benutzt, um verschiedene Unternehmen zu vergleichen. Im Kurs-Gewinn-Verhältnis wird zum Beispiel der aktuelle Aktienkurs durch den Gewinn (pro Aktie) geteilt, um herauszufinden, welches "Vielfache" des Preises man also für einen Anteil am Gewinn bezahlt. Dabei sind kleinere Werte natürlich besser. Ähnlich funktionieren auch andere bekannte Kennzahlen wie das Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Cashflow-Verhältnis oder Kurs-Umsatz-Verhältnis.

Gemäß unserer Definition von "Smart Beta" gibt es nun zwei Möglichkeiten, wie ETFs diese Informationen nutzen können:

  • Aktienauswahl: Die Gesamtheit aller Unternehmen wird nach "Value"-Kennzahlen sortiert und es wird gezielt nur in die Aktien mit attraktiveren Werten investiert. Das kann zum Beispiel nur die Hälfte der Aktien sein, die unter dem Marktdurchschnitt liegen.
  • Gewichtung: Die "Value"-Bewertung wird im Verhältnis zum Anteil einer Aktie im Index benutzt. So würde beispielsweise ein Unternehmen, dessen KGV nur halb so groß wie der Marktdurchschnitt ist, im neuen Value-ETF eine doppelt so große Gewichtung wie normal bekommen.
Übrigens sind unsere Dividenden-ETFs, über die wir hier schon oft berichtet haben, im Grunde auch nur eine weitere Unterart von Smart Beta Value-ETFs. Das Thema ist also, abseits aller Marketing-Schlagwörter, eigentlich nicht so neu oder revolutionär. Dividenden-ETFs nehmen eine gezielte Aktien-Auswahl (und Gewichtung) nach dem Kurs-Dividende-Verhältnis vor, was in der Praxis oft mit einem starken Value-Fokus einhergeht. Natürlich gibt es keine perfekte Übereinstimmung (nicht jedes Dividendenunternehmen ist niedrig bewertet, und nicht jedes Value-Unternehmen zahlt überhaupt eine Dividende), aber in der Masse ist der Zusammenhang doch oft so groß genug, dass man die Dividendenstrategien vereinfacht als nur eine Variante der allgemeinen Value-Vorgehensweise bezeichnen kann.

Als Beispiele für Value-ETFs beschränke ich mich soweit es geht auf möglichst weltweit anlegende Fonds, um nicht zu viele regional spezialisierte Produkte vorzustellen. Da Smart Beta-Faktoren je nach Anbieter unterschiedlich definiert werden, ist es auch wichtig, die Konstruktionsweisen ("methodology") mit vorzustellen, damit das Konzept dahinter klar wird.

iShares MSCI World Value Factor ETF
ISIN: IE00BP3QZB59
TER: 0,30 Prozent

Dieser thesaurierende ETF benutzt ein zusammengesetztes Rankingsystem, welches Unternehmen nach drei Fundamentalkennzahlen bewertet (KBV, KGV und EV/CFO). Die 1600 Firmen des normalen MSCI World werden dadurch auf eine Unterauswahl von etwa 400 Value-Firmen reduziert und danach anhand ihrer Bewertung gewichtet (niedrig bewertete Firmen bekommen einen verhältnismäßig höheren Anteil). Die Selektion wird jeweils halbjährlich überprüft und gegebenenfalls angepasst.
Das Factsheet des Indexanbieters MSCI und die Konstruktionsmethodik geben dabei Aufschluss über die Details der Vorgehensweise.

db-X Equity Value Factor ETF
ISIN: IE00BL25JM42
TER: 0,25 Prozent

Dieser ebenfalls thesaurierende ETF verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Auch hier werden aus dem ursprünglichen MSCI World die Aktien mittels eines "Value Score"-Systems bewertet, welches sich aus operativer Rendite (EV/EBITDA) und Dividendenrendite zusammensetzt. Aktien, die einen höheren Value Score als der Durchschnitt aufweisen, werden stärker gewichtet, ebenso wie Aktien, die einen niedrigeren Score haben, niedriger gewichtet (bis ganz weggelassen) werden. Näheres findet sich auch in den Unterlagen des Indexanbieters zur genauen Konstruktionsweise.


Fazit
Daneben gibt es wie gesagt noch einige regionale ETF-Varianten, die sich zum Beispiel nur auf Europa oder die USA konzentrieren, aber die allgemeine Auswahlmethodik ist ansonsten recht ähnlich. Da diese Produkte noch relativ neu sind, ist es auch schwer, Meinungen darüber abzugeben welches Konzept langfristig besser ist und sich durchsetzt. Auch wenn in vielen akademischen Studien nachgewiesen wurde, dass eine konsequent verfolgte Value-Strategie über Jahrzehnte einen signifikanten Mehrwert bringt, sollte auch klar sein, dass dies nicht automatisch auch in jedem der einzelnen Jahre darin passiert. Entsprechend den Makro-Phasen des Marktes kann es durchaus vorkommen, das Value-Firmen eine gewisse Zeit lang an der Börse etwas hinterher hinken. Man muss also Geduld und Durchhaltevermögen mitbringen, um langfristig Erfolge zu sehen, und darf sich nicht von den aktuell heißeren Trends ablenken lassen.

Das war der zweite Teil der Artikelserie "ETFs von Smart-Beta-Strategien" mit dem Fokus auf dem Value-Faktor. Mehr zum Thema Value Investing hatten wie auch im Artikel über das Value Investing Handbuch besprochen. Die nachfolgenden Teile der Serie sehen wie geplant folgendermaßen aus.

Kommentare:

  1. Die Idee von Smart-Beta-ETFs finde ich sehr spannend. Ich bin nämlich auch der Ansicht, dass man den Markt durch feste Strategien schlagen kann. Ob diese in den ETFs enthalten sind, weiß ich nicht...
    Daher mal eine Frage: Gibt es Backtestingergebnisse zu den jeweiligen ETFs?
    Beipielsweise ist mir bekannt, dass eine Aktienauswahl anhand des KGVs zu keiner Überrendite führt.

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    1. "Gibt es Backtestingergebnisse zu den jeweiligen ETFs?"

      Jein. "Live-Performance" lässt sich naturgemäß nur seit dem reellen Auflegezeitpunkt praktisch zurückverfolgen. Und da die meisten ETFs noch sehr jung sind, gibt es bis jetzt nur zu kurze Zeiträume um die Performance (im Vgl zum Benchmark) wirklich bewerten zu können.

      Strategien wie Value etc müssen langfristig über Jahrzehnte durchgezogen werden, da ist es eher unsinnig auf nur die paar letzten Monate Kursentwicklung zu schauen und zu sagen "Aha, der Value-ETF hat in den letzten 6m den MSCI World unterperformt, das ganze Konzept taugt also insgesamt nix!". Auf der anderen Seite sind natürlich auch kurzfristige Outperformances genauso mit Vorsicht zu genießen ;-)

      Was "Backtests" angeht muss man sich also auf die Index-Rohdaten der Anbieter (wie MSCI zum Beispiel) selbst verlassen. In den Factsheets (Link habe ich immer mitgeschickt) kann man sich deren 15-Jahr Entwicklung im Vergleich zum Benchmark ansehen. Selbst dass garantiert natürlich nicht auch automatisch immer gleich weitere ZUKÜNFTIGE Outperformance im ETF-Vehikel, aber es bietet zumindest mal eine erste Grundlage um besser einschätzen zu können wie sich ein jeweiliger Faktor über einen KOMPLETTEN Marktzyklus hindurch verhält.

      "Beipielsweise ist mir bekannt, dass eine Aktienauswahl anhand des KGVs zu keiner Überrendite führt."

      Zitier mal ein paar Studien dazu ? Wie ich gesagt habe, es gibt keine einheitlichen Definitionen von "Value" sondern dutzende unterschiedlicher Kennzahlen die alle "Value" messen sollen. Sicher sind davon manche besser als andere, in der Masse der Studien haben alle noch mehr oder weniger einen Vorteil ggü der Marktrendite gebracht. Klar kann man sich streiten, ob nun KGV oder doch eher KBV (oder KCV, KUV, EV/EBIT usw.) die alleinige beste Kennzahl ist (Beispiel-Studie für den Vergleich mehrerer Kennzahlen zb. hier: http://csinvesting.org/wp-content/uploads/2012/09/tev-to-ebitda-research.pdf ), gerade deswegen finde ich auch Konzepte, die mehrere Kennzahlen kombinieren, interessanter (weil robuster).

      Wenn dich die Theorie und Umsetzung hinter Value-Investing weiter interessiert, kannst du zum Beispiel in Research-Papers von MSCI nachlesen, welche Gedanken die sich so zur Identifikation von Value (und Konstruktion späterer Value-Indizes) machen: https://www.msci.com/resources/research/articles/2011/Capturing_the_value_premium_april2011.pdf
      Eine übersichtliche Zusammenfassung verschiedener Studien zu Value gibts zB. auch hier: http://www.retailinvestor.org/pdf/ValueInvestingMetrics.pdf

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    2. Achja und hier dazu noch ein Research Paper was sich speziell mit den Hintergründen zum hier vorgestellten MSCI Enhanced Value Index auseinandersetzt. https://www.msci.com/documents/10199/67b801e5-43ef-4200-8531-540851378835 . Sehr interessant und gut verständlich aufbereitet

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    3. Bezüglich der Backtests: Man kann damit schön simulieren, wie sich ein solcher ETF rückblickend geschlagen hätte, wenn es ihn denn schon vor Jahren gegeben hätte. Dabei darf man nicht vergessen, dass sich mit der Auflage solcher ETFs aber auch die Möglichkeiten (insbesondere für den breiten Markt) geändert haben, gezielt in solche Faktoren zu investieren. Ich könnte mir zumindest gut vorstellen, dass dies auch Einfluss auf zukünftige Premiums hat.

      Das Blöde an der Zukunft ist halt immer wieder, dass sie sich nicht so einfach aus der Vergangenheit ableiten lässt ;-).

      Lieben Gruß
      Dummerchen

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  2. Die Börsen sind ja doch etwas volatiler geworden in den letzten Jahren. Macht es da als Langfristanleger generell Sinn, mehr über so eine Art Feuerversicherung in Form von Optionsscheinen oder so etwas nachzudenken? Zumindest als Schutz vor schweren Crashs? Kostet etwas Rendite kann aber sehr beruhigen. Aber so gut kenne ich mich nicht damit aus.
    Man versichert ja sonst alles Mögliche im Leben. Aber ausgerechnet bei den Ersparnissen im Regelfall nicht. Warum eigentlich?

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    1. "Die Börsen sind ja doch etwas volatiler geworden in den letzten Jahren."

      Was ist für dich "Volatilität" und was sind "die letzten Jahre" ? Ich hab grad zufällig nebenbei in meinem Chartingprogramm den historischen Verlauf der 60T-Standartabweichung des DAX offen, aktuell sind wir da bei ca 30%. In ruhigen Marktphasen dümpelt die Vola bei so unter 20% rum, Panikmodus ist erst bei Spitzen über 40% und mehr angesagt (zb. 2001-02,2008, 11 etc).
      Die Börsen sind jedenfalls nicht "volatiler" geworden (waren sie schon immer), oder man verwendet den Begriff nur schwammig.

      "Macht es da als Langfristanleger generell Sinn, mehr über so eine Art Feuerversicherung in Form von Optionsscheinen oder so etwas nachzudenken? Zumindest als Schutz vor schweren Crashs? Kostet etwas Rendite kann aber sehr beruhigen. Aber so gut kenne ich mich nicht damit aus."

      Klar, zumindest "nachdenken ob das generell Sinn macht" kann man immer. Zumindest verstanden haben sollte man das Prinzip schon, ob mans dann am Ende auch wirklich anwenden will sei jedem selbst überlassen. Ich selbst deck mich auch manchmal gern mit ein paar dezenten Puts ein, wenn die Vola grad günstig ist.

      Wenns einfach nur um Absicherung eines bestimmten Portfoliowertes geht, ist die benötigte Kenntnis ja eigentlich schnell verstehbar (Optionen wurde hier im Blog auch schon mehrmals thematisiert, bzw Tutorials kann man sich leicht ergoogeln). Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Menge fortgeschrittenerer Optionsstrategien für verschiedene Marktszenarien.

      "Man versichert ja sonst alles Mögliche im Leben. Aber ausgerechnet bei den Ersparnissen im Regelfall nicht. Warum eigentlich?"

      Das ist vielleicht Definitionssache, aber ich betrachte meine Investments nicht als "Ersparnisse" (das ist ein getrennter Bereich, der woanders liegt). Auch sollte man die "Versicherungs"-Metapher für den Vergleich mit Optionen nicht überstrapazieren. Das hilft vielleicht zum Einstieg um dem Anfänger das Prinzip zu veranschaulichen, aber für die Feinheiten darüber hinaus schränkt es die Vorstellungskraft doch zu sehr ein, um wirklich die ganzen Möglichkeiten zu verstehen.

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    2. Auch ich rate zu Vorsicht an den Märkten. Wer sich die Weltwirtschaft näher anschaut erkennt die massiven Probleme am Horizont. Ich jedenfalls habe einen größeren sechsstelligen Betrag abgezogen. Die Krise ist nicht ausgestanden, sie fängt nun erst richtig an.

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