Dienstag, 21. Juli 2015

Warum eigentlich keine Aktienquote von 100 Prozent?

Derzeit schreibe ich an einem neuen eBook und stelle mir schon eine Weile die Frage, warum ein Anleger, der sein investiertes Kapital für mehr als 10 Jahre nicht benötigt, nicht zu 100 Prozent in Aktien investiert?
Trotz jährlicher durchaus starker Schwankungen beträgt auf Sicht von mehr als 10 Jahren die mittlere jährliche Rendite von Aktien etwa 8 Prozent. In keiner anderen Anlageklasse sind historisch betrachtet über längere Zeiträume diese beständig hohen Gewinne erzielt worden. Warum sollte jemand für einen langfristigen Vermögensaufbau auf mehrere andere Anlageklassen streuen?

Natürlich ist mit dieser Anlageklasse der globale Markt gemeint. Zum Beispiel das bereits häufiger schon genannte Weltdepot aus 1 bis 3 Aktien-ETFs. Auch ausschüttende globale Aktien-ETFs kämen hierfür in Frage oder wer Lust und Zeit zum Managen hat, baut sich sein Aktien-Welt-Depot aus zwei bis vier Dutzend Einzel-Titel zusammen, wie wir es im Dividenden-Aristokraten Depot oder bei den "Profitablen Unternehmen" tun.

Warum kein Depot vollständig mit
Aktien und einer kleinen
Bargeldreserve für günstige
Gelegenheiten?
Mit Aktien deckt ein Anleger zudem auch teilweise schon andere Anlageklassen mit ab. Mit Immobilien-Aktien (REITs) investiert ein Anleger in Unternehmen, die sich professionell um die Auswahl und Verwaltung von Immobilien kümmern.

Aber auch die Asset-Klasse Rohstoffe lässt sich teilweise mit Aktien abdecken. So gibt es etliche Unternehmen, die daran verdienen, wenn der Öl- und Gaspreis steigt. Oder Minen-Aktien partizipieren von einem möglichen steigenden Preis für Edelmetalle oder Industriemetalle.

In der Finanzliteratur taucht immer wieder folgende Faustformel auf:
  • Aktienquote = 100 – persönliches Alter
Diese besagt, dass mit ansteigendem Alter die Aktienquote im eigenen Depot Jahr für Jahr verringert werden solle. In jungen Jahren, also in einem Alter von 30 Jahren soll der Aktienanteil 70 Prozent betragen. Ein 60-jähriger dürfte damit nur noch einen Aktienanteil von 40 Prozent, ein 75-jähriger von 25 Prozent halten.
Grundsätzlich ist die dahinter stehende Idee gut, in jungen Jahren fast ausschließlich auf Unternehmensbeteiligen zu setzen. Im früheren Artikel über das wertvollste Geschenk für ein Kleinkind haben wir gesehen, wie stark der Zinseszins zur Geltung kommt, je mehr Zeit man ihm gibt.
Allerdings geht die Faustformel davon aus, dass jemand im Ruhestand das investierte Geld auch liquide verfügbar haben möchte.
Aber was ist mit dem Fall, bei dem ein Ruheständler das investierte Geld gar nicht braucht? Zum Beispiel weil ihm seine Rentenzahlung plus ein weiteres Einkommen aus Zinsen, Tantiemen und Dividenden für die Annehmlichkeiten des Ruhestands reichen.

Aktionär bis ins hohe Alter
Angenommen jemand erhält eine monatliche Pensions- oder Rentenzahlung von 1.500 Euro netto und hat 500.000 Euro in Wertpapiere angelegt. Daraus ließe sich 1.750 Euro monatlich netto erzielen (siehe "Merken Sie sich den Wert 3,50 Euro"), also stünden diesem Ruheständler 3.250 Euro monatlich zur Verfügung. Damit könnte jemand ohne überschwänglichen Luxus durchaus schon gut leben.
Denn nicht jeder möchte sein angespartes Kapital in jedem Fall aufbrauchen, vielleicht hat der Ruheständler die Absicht sein Vermögen zu vererben oder es einer Stiftung zukommen zu lassen.

Aber zurück zur Ausgangsfrage. Was spricht dagegen sämtliches Kapital, welches nicht benötigt wird ausschließlich in Aktien (oder anderen nicht börsennotierten Beteiligungen) anzulegen?
(Bei einem ausreichend hohen Kontostand und einem Drang unternehmerisch aktiv etwas gestalten zu wollen, kann natürlich auch ein Teil des Geldes direkt in Firmen investiert werden oder jemand kauft Firmen auf.)
Nur ein psychologischer Aspekt fällt mir ein, den es bei einem 100 Prozent Aktien-Depot zu bedenken gibt. Im Fall einer Krise sollte der Anleger einen zwischenzeitlichen Kursverlust von 30 oder 50 Prozent gedanklich ausblenden oder zumindest vertragen können und an den Erwartungswert von 8 Prozent langfristige Rendite denken.

Und selbst wer plant zu einem bestimmten Zeitpunkt sein Vermögen vollständigen zu liquidieren, das heißt als Bargeld verfügbar zu haben, könnte zuvor eine Aktienquote von 100 Prozent halten. Etwa 10 bis 15 Jahre vor dem geplanten Zeitpunkt, wenn das Geld komplett benötigt wird, beginnt derjenige sukzessive in andere Anlageklassen umschichten.


Für alle zeitliche Ebenen Verteilung in mehrere Anlageklassen notwendig
Damit der Artikel nicht missverstanden wird. Es geht um das langfristig angelegte Kapital. Für eine Vermögensverteilung, die sämtliche zeitliche Ebenen abdecken soll, ist eine Streuung auf mehrere Anlageklassen in meinen Augen sinnvoll. Denn dabei muss berücksichtigt werden, dass jemand schon nach in 2, 5 oder 10 Jahren Geld für bestimmte Vorhaben braucht.

Zum Weiterlesen:

Kommentare:

  1. Sehe ich auch so. Ich habe maximal 5% Cash (außer einem Extrakonto für Anschaffungen, Reparaturen etc.) Aber auf dem Depotkonto sammelt sich nie viel an. Wird alles schnellstmöglich (re-)investiert.
    Diese alte Regel stammt aus Zeiten, als man in Anleihen mit nennenswerten Zinsen umschichten konnte, um daraus ein (vermeintlich sicheres) Zusatzeinkommen in der Rente zu haben, ohne der Volatilität zu unterliegen. Ist aber vorbei.
    Problem jetzt wäre nur, dass man, wenn man voll auf das Dividendeneinkommen in der Rente baut, man den Gürtel einige Löcher enger schnallen muss, sobald in schlechten Jahren der Dividendenfluss austrocknen würde, weil gestrichen oder reduziert wird.
    Nun ja, so ist es halt. Irgendwas ist immer zu befürchten.

    Beste Grüße
    MS

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  2. Ich halte eine sofortige dogmatisch durchgeführte Reinvestition für falsch. Meiner Meinung sollte man nur bei einem positiven Marktumfeld reinvestieren sonst abwarten. Meine Indikatoren dafür sind die Bestandteile des Gebert-Indikators, der LEI-Index und der Ölpreis. (Im Backtest hat sich das als sinnvoll erwiesen)

    Grüße

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    1. Fehlt nur eine gute Definition für ein "positives Marktumfeld". In meinen Augen ist der beste Zeitpunkt für Reinvestitionen relative oder absolute Tiefpunkte, diese lassen sich im Standardfall aber erst hinterher feststellen.

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    2. Deswegen investiere ich (Nachkäufe), wenn ich das Marktumfeld für positiv erachte. Der Grundgedanke dahinter ist: Wann gehts einem Unternehmen (bei mir v.a. Basis-Konsumgüter) besser/schlechter obwohl es ungefähr die gleiche Masse verkauft? Meiner Einschätzung sind die oben genannten Indikatoren dazu sehr hilfreich. Ich werde berichten, wenn sich hier was ändert.

      Grüße

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  3. Grundsätzlich stimme ich dir zu, einen hohen Anteil in Aktien zu investieren. Allerdings kann es nur verschiedene Faktoren, auch sein dass dies zum Nachteil wird. Zum Beispiel wenn der Gesetzgeber Aktienbesitzer im besonderen Maße besteuern würde. Darum würde ich immer auf mehrere Anlageklassen setzten und so das Risiko so breit wie möglich zu streuen.

    Schöne Grüße

    Sebastian

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    1. Sebastian, auf steuerliche Änderungen kann man ja reagieren, wenn sie eintreten. Diese sind in Deutschland ja überwiegend in die Zukunft gerichtet und daher gut antizipierbar. Wer allerdings direkt in Immobilien oder in Lebensversicherungen investiert, kann u.U. seine Entscheidung gar nicht revidieren, weil er in seinem Investment feststeckt. Hier bieten Aktien ein viel höheres Maß an Flexibilität.

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  4. Hallo,
    ich muss leider ein bisschen Kritik üben.
    Du hast recht, eigentlich gibt es, zumindest in dem vorgestellten Beispiel, keine Gründe, nicht einen großen Anteil in Aktien zu investieren. Das Problem welches ich sehe nennst du auch, aber leider nur ganz kurz am Ende: Den psychologischen Effekt.

    Bei einem 10.000 Euro Depot fällt der wohl kaum ins Gewicht, aber was ist denn wenn das Depot bei eben 500.000 oder noch mehr liegt, dann gibt es einen Crash wie 2008. Der DAX sackte im Maximum um ~55% ab. Er lief ca. 1 1/4 Jahre nur abwärts. Ein Vermögen von 500.000 Euro hätte sich auf 225000 Euro reduziert. Bei 250 Börsentagen im Jahr ist das ein durchschnittliches minus von 880 Euro/Tag. Dies psychologisch durchzustehen ist nicht einfach über 15 Monate jeden Tag ein Minus. (Klar gab es auch positive Tage, dafür aber auch negative wo mal eben ein Kleinwagen verloren wäre).

    Ich denke der psychologische Effekt wird gerade nach den letzten super guten Börsenjahren unterschätzt.

    VG Jan

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    1. Diese Befürchtung teile ich mit Jan. Ich habe bei der aktuellen (zumindest in Finanzblogs erkennbaren) Begeisterung für Aktien leider mitunter auch das Gefühl, dass die Risiken auf abstrakte Schwankungen reduziert werden. Insbesondere bei denjenigen, die noch keinen echten Crash mit größerem realen Vermögen erlebt haben, schwingt doch mitunter grenzenloser Optimismus in ihren Äußerungen mit. Alles über 80% Aktienquote würde mich zumindest stark zweifeln lassen, dass dies langfristig durchhaltbar ist.

      Liebe Grüße
      Dummerchen

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    2. Hallo Jan und Dummerchen,
      vielen Dank für die warnenden Kommentare. Selbst
      gehöre ich zu denen, die die Finanzkrise gut investiert mit keinem kleinen Geldbetrag miterleben durfte.
      Daher ist mir die Gefühlslage in solch einer Nachrichtenumgebung seitens der Medien gut bekannt.

      Im Artikel habe ich auch extra hervorgehoben, dass diese Überlegung eine Aktien-Quote von fast 100% zu halten für das langfristig investierte Kapital gilt, nicht für ein Depot, was auch kürzerfristige Bedürfnisse abdecken soll.

      Ich fürchte nur, wer jetzt bereits beim Lesen von Jans Rechnung einen Schauer über dem Rücken verspürt oder von sich weiß, dass er in solchen Zeiten nicht unbedingt die Ruhe bewahren kann, dem ist in Crashzeiten auch mit keiner Aktienquote von 70 oder 80% geholfen. In solchen Fällen würde ich eine Aktienquote von deutlich unter 50% vorschlagen - natürlich bevor der Bärenmarkt beginnt.

      Die gemachte Rechnung unterstellt wahrscheinlich einen Einstieg in den Aktienmarkt zum Hochpunkt.
      Selbst wer sogar relativ spät erst im Jahr 2013 in einen globalen Aktien-ETF investiert hat, dürfte derzeit 30 bis 40% Plus im Depot haben. Das heißt, derjenige hätte im Fall eines Abwärtstrends eine ordentliches Gewinnpolster, bevor der Depotwert ins Minus rutscht.

      Hier auf dem Blog haben viele Leser den Fokus auf regelmäßige Erträge. Zum Thema Crash hatten wir uns im zweiten bis vierten Teil der Artikelserie "Was tun in Krisenzeiten?" beschäftigt. Dort haben wir mit den Daten der Finanzkrise besprochen, dass zum Beispiel die regelmäßigen Dividendenzahlungen vergleichsweise deutlich weniger gekürzt werden als die Kurse nachgeben.

      Aktien gehören zum Risikokapital und zum Investieren in diese Anlageklasse gehört auch eine Chance Risiko-Abschätzung. In den letzten 15 Jahren hat sich der globale Aktienmarkt zweimal in etwa halbiert. Das ist historisch betrachtet schon ziemlich einmalig und die Frage ist, wie wahrscheinlich es ist, dass uns ein derartiges Ereignis in den nächsten 15 Jahren erneut bevorsteht? Verzichtet nicht jemand, der jederzeit ein solches Ereignis erneut erwartet - und deshalb eine dauerhaft niedrige Aktienquote hält - auf zu viel?

      VG
      Lars

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    3. Ich gehöre nicht zu den Anlegern , die zu 100 Prozent in Aktien investiert sind , jedoch ist es aufgrund meiner persönlichen Asset Allokation so , das ich nun zum Alter hin doch mal wieder ein Aktien Depot aufbauen will , welches im Portfolio ca. 20 bis 30 Prozent ausmachen sollte . Also Aufteilung dann , ca. 30 Prozent Versicherung , 30 Prozent Immo , 20 bis 30 Prozent Aktien und ca. 10 bis 20 Prozent Liquidität , welche aber in Crash Zeiten auch einmal kurzfristig in Aktien investiert werden kann . Also außer den totalen Notfall Topf ( ca. 5 Prozent die absolut unantastbar außer eben für absolute NOTFÄLLE sind )
      Ob ich bei einer für mich möglichen Anlage von 20 bis 30 Prozent in Aktien , auf zu viel verzichte , kann ich nicht sagen , aber mehr geht eben nicht . Ich kann mich halt nur im Rahmen meiner Möglichkeiten bewegen , und da ist die Aufteilung von mir nun mal so gewählt und in den letzten 25 Jahren mit einer durchschnittlichen Rendite von 6 bis 8 Prozent nach Steuer vor Inflation auch für mich in Ordnung , zumal Sie mich auch gut schlafen lässt . L.G.

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  5. Die Überlegung, eine Aktienquote von 100% zu halten, ist auf Grund des Potentials von Aktien und des plötzlich entdeckten Risikos bei "risikolosen" Staatsanleihen durchaus interessant. Exakte 100% halte ich jedoch nicht für realistisch, sondern eher "gerundete" 100%, also 95-99% in Aktien.
    Es kommt dabei auch immer auf die Summe an und macht einen Unterschied, ob man von 50TEUR oder 500TEUR spricht.
    Die Hauptrisiken sind der zitierte Einbruch um 50% und ein überraschender Liquiditätsbedarf. Beide Risiken lassen sich sehr gut reduzieren. Zum einen hat der 50TEUR-Investor bei 95% in Aktien immer noch 2500 EUR Liquidität, was zur Autoreparatur reicht und der 500TEUR-Investor hätte dabei noch 25TEUR Liquidität, womit man recht weit kommt.
    Ein weiterer Faktor ist die breite Streuung. Hält man 50 bis 100 Einzeltitel direkt, so werden bei jedem Crash immer noch einige Aktien über dem Enistandskurs liegen und man kann sich aussuchen, ob man bei erhöhtem Liquiditätsbedarf diese oder einige der gefallenen Aktien verkauft. Ferner hat man die Möglichkeit, von den 5% einiges Geld in Faktor-Short-Zertifikaten zu halten. Dabei kann man vom Faktor 1 bis 8 gehen. Sollten dann tatsächlich ein Crash und eigener Liquiditätsbedarf zusammenfallen, so lässt sich recht problemlos eine Liquiditätsreserve von 15% generieren.
    Der Vorteil ist, dass man mit der Masse des Vermögens investiert bleibt und somit einen günstign Wiedereinstiegszeitpunkt nicht verpassen kann, weil man nicht großartig ausgestiegen ist. Das kostet zwar ebenfalls Nerven, am Tiefpunkt des Crashes, zahlt sich aber nach dem Crash aus!

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